Sonntag, 29. November 2009

Rundbrief

Rundbrief Nr. 1: 29. November 2009

Ich weiß, ich bin spät dran mit meinem ersten Rundbrief, ich bin jetzt schon drei Monate in Sambia und dieses ist meine erste offizielle Rückmeldung. Doch ich brauchte diese Zeit um alle Eindrücke zu verarbeiten und meine Gedanken zu sortieren.
Ich habe schon einiges erlebt in diesen drei Monaten, ich habe eine neue Welt kennen gelernt und versucht meinen Platz in diesem neuen Leben zu finden. Ich lebe nun seit 3 Monaten in Mporokoso, einer Distrikthauptstadt im Norden von Sambia, das hört sich natürlich gut an und man erwartet eine Stadt, in der man alles bekommen kann was man so zum Leben braucht, doch so ist es nicht. Mporokoso ist ein Dorf, dort gibt es nicht viel, wir haben mehrere Kirchen, Schulen und einen Freiluftmarkt, der längst nicht so idyllisch ist wie man sich das vorstellt. Es gibt nicht viele Freizeitmöglichkeiten, man kann bei gutem Wetter bei der Kirche Volleyball spielen oder im Kirchenchor mitsingen, aber es gibt kein Kino, kein Cafe oder sonst etwas, wo man sich als junger Mensch gerne mit seinen Freunden trifft.
Aber es ist auch nicht leicht für mich Kontakte zuschließen, da ich im Konvent der Sisters of the Child Jesus lebe. Der Konvent bietet mir zwar für afrikanische Verhältnisse ein sehr komfortables Leben, wir haben meistens Strom und morgens für eine Stunde auch fließend Wasser, aber es macht es auch schwierig heraus zukommen und die Einheimischen kennen zulernen, da die Schwestern mich sehr behüten und sich immer Sorgen um mich machen. Das hat mir den Einstieg in mein Leben hier in Sambia sehr erleichtert, weil ich ein bisschen überfordert war von den vielen neuen Eindrücken, doch nun nach drei Monaten wünsche ich mir mehr Freiheiten.
Man lernt sich nun besser kennen und bemerkt die kulturellen Unterschiede, die das Zusammenleben nicht immer einfach machen. Die Sisters of the Child Jesus gibt es nur in Sambia, wodurch die Schwestern wenig Kontakt zu Europäer haben und ich bin die erste Freiwillige in Mporokoso, deswegen ist es für die Schwestern nicht leicht mich und meine Kultur zu akzeptieren, sie finden meine Kleidung nicht gut und verstehen oftmals meine Bedenken und Probleme nicht, da sie an dieses Leben gewöhnt sind. Ich bin in Mporokoso eine der wenigen Weißen, wodurch ich egal was ich mache, oder wo ich hingehe die ganze Aufmerksamkeit auf mich ziehe, zuerst war mir das sehr unangenehm, vor allem wenn ich zum Markt gehe und 10 Kinder hinter mir herlaufen und „musungu, musungu“ rufen, das bedeutet Weißer, doch nach einer Weile hab ich mich daran gewöhnt und grüße freundlich zurück. Hier in Sambia gibt es sehr wenige Weiße und meist denken die Menschen, wenn die Weiße sehen, dass diese sehr reich sind und zu ihnen kommen um ihnen Geld zugeben, es ist mir sehr wichtig, dass die Menschen wissen, dass ich nicht reich bin und kein Geld für sie mitgebracht habe, sondern hier bin um mit zuarbeiten und ihre Kultur kennen zulernen, deswegen verbringe ich viel Zeit damit zu erklären, wer ich bin und was es bedeutet ein Freiwilliger zu sein.
Die Kultur und die Lebensweise hier ist ganz anders als bei uns in Deutschland, es gibt hier eine „sambian time“, was bedeutet, dass alle immer zu spät kommen und es ist normal, dass man auch mal einen ganzen Tag nur wartet, als ich das erste Mal 6 Stunden an der Bushaltestelle stand bis der Bus endlich losfuhr, habe ich mich noch sehr aufgeregt, aber langsam werde ich entspannter und ertappe mich nun auch öfter wie ich selbst zu spät komme. Der Stellenwert der Kirche in diesem Land ist sehr hoch, aber auch der Glaube an Zauberei ist in Sambia immer noch präsent. Die Familie ist den Sambianern sehr wichtig, man heiratet sehr jung und hat viele Kinder, wenn jemand aus der Familie mehr Geld hat, ist es selbstverständlich, dass dieser sich auch um den Rest der Familie kümmert, wobei eine Familie alle mit einschließt, Großeltern, Tanten und Onkel und auch Cousinen und Cousins. Auch Polygamie ist hier normal, aber natürlich nur für Männer, denn die Emanzipation fängt grade erst an sich zu entwickeln, es gibt zwar Frauen die Karriere machen, aber nicht sehr viele und diese auch nur mit Erlaubnis ihrer Männer, es gibt nur wenige unverheiratete Frauen und diese sind in der Gesellschaft nicht anerkannt.
Dieses andere Menschenbild macht meine Arbeit, als Lehrerin nicht immer einfach. Ich arbeite in der Blindenschule der Schwestern, zuerst habe ich nur beim Unterricht zugeschaut und die Blindenschrift gelernt, was leichter war als erwartet und vor 1 ½ Monaten habe ich auch angefangen zu unterrichten.
Ich unterrichte Englisch und SDS (social development studies) in Grade 5, was gut funktioniert und mir wirklich Spaß macht. Ich habe nur vier Schüler in meiner Klasse, das ist bei uns an der Schule nichts besonderes, denn wir haben nicht nur Blinde sondern auch Schüler mit anderen Behinderungen, wie Lernschwäche oder Taubheit. Zwei von meinen Schülern sind Albinos und glücklicherweise ist keiner von diesen Schülern ganz blind, was die Arbeit für mich vereinfacht, ich korrigiere zwar in Braille, der Blindenschrift, geschriebene Hausaufgaben, aber die Schüler können viele Dinge erkennen, wenn ich sie ihnen zeige. Normalerweise sollten in einer Grade 5 Klasse Schüler im Alter von 11 bis 13 Jahren sein, aber dadurch dass in Sambia viele Kinder nicht oder erst sehr spät zur Schule gehen und weil die Sonderschulpädergogik erst seid einigen Jahren in der Gesellschaft wirklich akzeptiert wird, habe ich in meiner Klasse sogar einen Jungen der schon 19 Jahre alt ist.
Leider habe ich im Moment nur 8 Stunden in der Woche, die ich unterrichte, wodurch ich viel Langeweile habe, aber ich hoffe, dass sich das bald ändert.
Sprachprobleme gibt es innerhalb des Schulalltags nur wenige, da in dieser Schule Englisch gesprochen wird, aber außerhalb der Schule, kommt es öfter zu Verständigungsschwierigkeiten, denn obwohl Englisch die offizielle Sprache in Sambia ist, können nicht alle Menschen, aufgrund ihres niedrigen Bildungsstand, diese auch sprechen. Es wird eigentlich überall Bemba gesprochen, sogar im Konvent, so werde ich oft aus Gesprächen ausgeschlossen, was mich zwar stört, woran ich aber nichts ändern kann. Ich habe angefangen Bemba zulernen, aber im Selbststudium ist es mir nicht möglich die Sprache zulernen, da die Aussprache und die Grammatik ganz anders sind, als bei unseren europäischen Sprachen, ich versuche nun einen geeigneten Lehrer zu finden, denn es kann zwar jeder Bemba sprechen, aber nur wenige Menschen können einem diese Sprache auch bei bringen.
Wie man vielleicht aus dem Brief raushört, habe ich noch viel vor in den verbleibenden 9 Monaten, obwohl diese Zeit bestimmt nicht immer leicht wird, grade in der bevorstehenden Weihnachtszeit werde ich, die Heimat bestimmt ganz schön vermissen, hier ist durch das regnerische, aber trotzdem warme Wetter schwer für mich in Weihnachtsstimmung zu kommen.
Ich wünsche allen eine frohe und besinnliche Weihnachtszeit und werde im nächsten Jahr wieder etwas von mir hören lassen.

Sambische Grüße
Anja Müting

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